Du stehst im Drogeriemarkt vor dem Regal mit Foundations, Mascaras und Lippenstiften und fragst dich, welche Produkte wirklich ohne Tierversuche entstanden sind. Die gute Nachricht: In der Europäischen Union ist Tierversuche für fertige Kosmetikprodukte und deren Inhaltsstoffe seit 2013 verboten. Die schlechte Nachricht: Das Verbot hat eine große Lücke, und nicht jedes Produkt im Regal erfüllt deine Erwartung an ein tierleidfreies Make-up.

Der entscheidende Punkt: Das EU-Verbot gilt nur für Stoffe, die ausschließlich in Kosmetik verwendet werden. Das betrifft nur etwa zehn Prozent aller Inhaltsstoffe. Alle anderen Substanzen, die auch in Waschmitteln, Lebensmitteln oder Medikamenten stecken, dürfen weiterhin im Tierversuch getestet werden, auch wenn sie später in deinem Make-up landen. Dazu kommen Importe aus Ländern außerhalb der EU, die nicht unter das Verbot fallen.

Damit du beim nächsten Kauf sichergehst, brauchst du mehr als einen Blick auf das Etikett. Du musst wissen, welche Siegel wirklich etwas aussagen, welche Begriffe nur Marketing sind und wie du Inhaltsstoffe selbst überprüfen kannst.

Was das EU-Verbot wirklich abdeckt

Die EU-Kosmetikverordnung verbietet seit März 2013 Tierversuche für kosmetische Fertigprodukte und kosmetische Inhaltsstoffe, die in der EU hergestellt oder importiert werden. Das klingt umfassend, hat aber einen Haken: Das Verbot greift nur bei Stoffen, die ausschließlich für kosmetische Zwecke verwendet werden. Ein Konservierungsmittel, das auch in Shampoo und in Reinigungsmitteln steckt, fällt nicht unter das Kosmetikverbot, weil es nicht ausschließlich Kosmetik ist.

Die Organisation Ärzte gegen Tierversuche weist darauf hin, dass seit Inkrafttreten der Verordnung kein einziger neuer Rohstoff zugelassen wurde, der ausschließlich in Kosmetika vorkommt. Ob das an fehlenden Innovationen liegt oder daran, dass Hersteller für neue Stoffe einfach einen anderen Verwendungszweck angeben, um weiterhin Tierversuche durchführen zu können, lässt sich nicht abschließend beantworten. Für dich als Käuferin bedeutet das: Du kannst dich nicht darauf verlassen, dass jedes Produkt mit EU-Herkunft automatisch tierversuchsfrei ist.

Darum sagen Siegel mehr als das Kleingedruckte

Wenn du sichergehen willst, sind anerkannte Zertifikate dein zuverlässigster Wegweiser. Die beiden wichtigsten Siegel sind das Leaping-Bunny-Logo und die PETA-Zertifizierung.

Leaping Bunny ist ein internationales Programm, das von Tierschutzorganisationen getragen wird. Hersteller, die das Logo tragen, verpflichten sich, keine Tierversuche für ihre Produkte oder Inhaltsstoffe durchzuführen und das auch von ihren Lieferanten zu verlangen. Die Einhaltung wird regelmäßig überprüft. Das PETA-Siegel „Beauty Without Bunnies" funktioniert ähnlich: Marken müssen eine Erklärung abgeben, dass weder sie noch ihre Zulieferer Tierversuche durchführen.

Wichtig zu wissen: Diese Siegel sind Selbstverpflichtungen mit Kontrolle, aber keine staatlichen Zertifikate. Sie geben dir aber eine deutlich bessere Orientierung als der bloße Aufdruck „tierversuchsfrei", der in der EU nicht einheitlich geregelt ist. Ein Hersteller kann diesen Begriff verwenden, ohne dass eine unabhängige Stelle das geprüft hat.

Vegan ist nicht gleich tierversuchsfrei

Ein häufiger Irrtum: Viele denken, veganes Make-up sei automatisch ohne Tierversuche hergestellt. Das stimmt nicht. Vegan bedeutet nur, dass keine tierischen Inhaltsstoffe wie Bienenwachs, Karmin oder Lanolin enthalten sind. Wie die Inhaltsstoffe getestet wurden, sagt das vegane Label nicht aus.

Umgekehrt kann ein Produkt mit tierischen Inhaltsstoffen durchaus tierversuchsfrei sein, wenn der Hersteller auf zertifizierte Rohstoffe setzt, die ohne Tierversuche entwickelt wurden. Für deine Kaufentscheidung heißt das: Wenn dir beides wichtig ist, achte auf Produkte, die sowohl ein Tierversuchs-Siegel als auch eine vegane Zertifizierung tragen. Viele Marken kennzeichnen beides deutlich auf der Verpackung.

So prüfst du Inhaltsstoffe selbst

Wenn du ein Produkt ohne Siegel in der Hand hältst, kannst du die Inhaltsstoffliste selbst überprüfen. Die INCI-Liste (International Nomenclature of Cosmetic Ingredients) steht auf jeder Verpackung und nennt alle Bestandteile. Einige Stoffe sind typische Kandidaten für Tierversuche, weil sie nicht ausschließlich in Kosmetik verwendet werden.

Du musst nicht jeden Inhaltsstoff einzeln recherchieren. Ein praktischer Weg: Suche nach dem Produktnamen plus dem Zusatz „tierversuchsfrei" oder prüfe über Datenbanken von Tierschutzorganisationen, ob die Marke gelistet ist. PETA führt eine öffentliche Liste zertifizierter Marken, und auch Leaping Bunny bietet eine Suchfunktion auf seiner Website an. Diese Listen sind aktueller als viele ältere Ratgeber im Internet.

Achte außerdem auf das Herkunftsland. Produkte aus Ländern ohne Tierversuchsverbot, etwa aus China, können unter Umständen Tierversuche durchlaufen haben, auch wenn sie in der EU verkauft werden. Die EU verlangt zwar seit 2013, dass importierte Kosmetik keine Tierversuche durchlaufen hat, aber die Kontrolle ist schwierig, und die Regelung gilt wieder nur für Stoffe, die ausschließlich kosmetisch verwendet werden.

Diese Marken und Produktgruppen machen den Einstieg leicht

Konkrete Markenempfehlungen sind heikel, weil sich Sortimente und Zertifizierungen ändern. Ein paar etablierte Namen, die seit Jahren mit Leaping Bunny oder PETA zertifiziert sind, findest du aber in fast jeder Drogerie: Catrice und essence tragen das PETA-Siegel, ebenso wie viele Produkte von Alverde, der Naturkosmetik-Eigenmarke von dm. Auch die Marke Manhattan ist bei PETA gelistet.

Wenn du lieber im höherpreisigen Segment suchst, sind Marken wie Urban Decay, Too Faced und NYX Professional Makeup seit langem als tierversuchsfrei zertifiziert. Diese Marken findest du in Parfümerien oder online. Wichtig bleibt: Prüfe vor dem Kauf, ob die aktuelle Zertifizierung noch besteht, denn Marken können ihre Politik ändern. Die PETA-Liste wird regelmäßig aktualisiert und zeigt auch, wenn eine Marke die Zertifizierung verliert.

Für den Einstieg eignet sich eine einfache Regel: Beginne mit einer Produktkategorie, die du häufig kaufst, etwa Mascara oder Foundation. Suche dort gezielt nach zertifizierten Produkten und wechsle nach und nach um. So musst du nicht dein ganzes Make-up-Sortiment auf einmal ersetzen.

Worauf du bei Naturkosmetik achten solltest

Naturkosmetik-Siegel wie Natrue, BDIH oder Ecocert haben eigene Kriterien, die oft strenger sind als das EU-Recht. Viele Naturkosmetik-Marken verzichten grundsätzlich auf Tierversuche und lassen sich zusätzlich bei Leaping Bunny oder PETA zertifizieren. Das ist aber nicht automatisch der Fall. Ein Naturkosmetik-Siegel garantiert in erster Linie bestimmte Inhaltsstoffe und Herstellungsverfahren, nicht die Tierversuchsfreiheit.

Wenn du Naturkosmetik kaufst, achte also auf die Kombination: Naturkosmetik-Siegel plus Tierversuchs-Zertifikat. Marken wie Lavera, Sante oder i+m Naturkosmetik tragen beide Kennzeichnungen und sind damit eine verlässliche Wahl. Auch hier gilt: Die aktuelle Zertifizierung auf der Verpackung oder der Website der Marke prüfen.

So erkennst du Greenwashing beim Make-up-Kauf

Manche Hersteller werben mit Begriffen wie „sanft zur Haut" oder „ethisch hergestellt", ohne dass eine unabhängige Stelle das bestätigt. Diese Formulierungen sagen nichts über Tierversuche aus. Auch ein Hasen-Logo auf der Verpackung ist nicht automatisch das offizielle Leaping-Bunny-Siegel. Es gibt ähnlich aussehende Logos, die keine Zertifizierung bedeuten.

Eine verlässliche Faustregel: Wenn ein Produkt ein offizielles Siegel trägt, steht auf der Verpackung entweder „Leaping Bunny" oder „PETA Beauty Without Bunnies" als Text. Ein bloßes Hasen-Symbol ohne erklärenden Text ist kein anerkanntes Zertifikat. Im Zweifel hilft ein Blick auf die Website des Herstellers, wo die Zertifizierung meist mit einem Link zum Zertifikat dokumentiert ist.

Dein Einkaufsplan für Make-up ohne Tierleid

Du musst nicht alles auf einmal umstellen. Ein praktischer Plan sieht so aus:

  • Wähle eine Produktkategorie, die du regelmäßig kaufst, zum Beispiel Mascara oder Lippenstift.
  • Suche in der PETA- oder Leaping-Bunny-Datenbank nach zertifizierten Marken in dieser Kategorie.
  • Prüfe beim Kauf die Verpackung auf das offizielle Siegel und den Text „Leaping Bunny" oder „PETA Beauty Without Bunnies".
  • Achte bei Naturkosmetik auf die Kombination aus Naturkosmetik-Siegel und Tierversuchs-Zertifikat.
  • Kontrolliere bei Importprodukten das Herkunftsland und recherchiere bei Unsicherheit in der PETA-Liste.

Dieser Plan funktioniert für jede Preisklasse, von Drogerie bis Luxus. Die Listen der Tierschutzorganisationen sind kostenlos zugänglich und werden regelmäßig aktualisiert, sodass du immer den aktuellen Stand siehst.