Du stehst im Drogerieregal und vor dir liegen zwei Cremes, die beide mit „Natur" werben. Die eine trägt ein grünes Siegel, die andere wirbt mit einem hohen Anteil natürlicher Inhaltsstoffe auf der Vorderseite. Der Unterschied zwischen beiden ist größer, als die Verpackungen vermuten lassen, und er entscheidet darüber, ob in deiner Creme billige Füllstoffe stecken oder nicht.

Naturkosmetik ist in Deutschland kein geschützter Begriff. Jeder Hersteller darf seine Produkte so nennen, ohne dass eine staatliche Stelle prüft, was wirklich in der Tube steckt. Orientierung geben private Siegel wie Natrue, BDIH oder Ecocert, die von Herstellerverbänden und Zertifizierungsunternehmen vergeben werden. Wer ein Produkt mit einem dieser Siegel kauft, bekommt eine verbindliche Zusage: Bestimmte synthetische Stoffe und billige Füllstoffe sind ausgeschlossen. Die Stiftung Warentest hat 2020 in einem Test von 14 Gesichtscremes gezeigt, dass zertifizierte Naturkosmetik bei Pflege und Anwendung mit konventionellen Produkten mithalten kann. Hochwertig ist Naturkosmetik also nicht trotz der strengen Regeln, sondern wegen ihnen.

Was die Siegel wirklich prüfen

Die drei wichtigsten Siegel in Deutschland sind Natrue, BDIH und Ecocert. Natrue vergibt ein europäischer Herstellerverband, das BDIH-Label stammt vom Bundesverband Deutscher Industrie- und Handelsunternehmen, und Ecocert ist ein französisches Zertifizierungsunternehmen. Alle drei arbeiten nach ähnlichen Prinzipien: Sie legen fest, welche Inhaltsstoffe erlaubt sind, welche Mengen natürlicher Rohstoffe enthalten sein müssen und wie die Produktion ablaufen darf.

Der entscheidende Punkt: Diese Siegel schließen keine Chemie generell aus. Sie regulieren, welche Chemie verwendet werden darf. Erlaubt sind beispielsweise Konservierungsstoffe, die auch in der Natur vorkommen oder aus natürlichen Rohstoffen gewonnen werden. Verboten sind dagegen synthetische Duftstoffe, Paraffine und Silikone, also Erdölprodukte, die in konventioneller Kosmetik oft als billige Basis dienen. Auch Mikroplastik und bestimmte Weichmacher haben in zertifizierter Naturkosmetik nichts verloren.

Wenn du also ein Produkt mit Natrue-, BDIH- oder Ecocert-Siegel kaufst, kannst du sicher sein, dass der Hersteller nachweislich auf diese Stoffe verzichtet. Die Siegelinhaber kontrollieren die Produkte regelmäßig, auch wenn die Kontrolle nicht vom Staat, sondern von den privaten Organisationen selbst durchgeführt wird.

Warum „billige Füllstoffe" das eigentliche Problem sind

Der Begriff Füllstoffe klingt harmlos, bezeichnet aber genau das, was eine Creme billig macht und ihre Wirkung verwässert. In konventioneller Kosmetik finden sich häufig Paraffine und Silikone. Sie verteilen sich leicht auf der Haut, hinterlassen ein glattes Gefühl und kosten den Hersteller wenig. Was sie nicht tun: Sie pflegen nicht, sie spenden keine Feuchtigkeit und sie bringen keine wirksamen Inhaltsstoffe in die Haut. Sie legen sich wie eine Schicht auf die Oberfläche und erzeugen den Eindruck von Geschmeidigkeit, ohne dass sich an der Haut wirklich etwas verbessert.

Zertifizierte Naturkosmetik setzt stattdessen auf pflanzliche Öle, Butter und Wachse. Sheabutter, Jojobaöl oder Bienenwachs übernehmen die Aufgabe, die in konventionellen Produkten Paraffin erfüllt. Der Unterschied zeigt sich beim Tragegefühl: Naturkosmetik zieht oft etwas langsamer ein, hinterlässt aber ein ehrlicheres Hautgefühl, weil die Fette tatsächlich mit der Haut interagieren. Wer von konventioneller auf zertifizierte Naturkosmetik umsteigt, braucht in den ersten Tagen Geduld, weil die Haut sich auf die anderen Pflegestoffe einstellen muss.

So liest du die Inhaltsstoffliste richtig

Die INCI-Liste, also die nach europäischem Recht vorgeschriebene Auflistung aller Inhaltsstoffe, verrät dir mehr als jede Werbeaussage auf der Vorderseite. Die Reihenfolge ist gesetzlich festgelegt: Was am meisten enthalten ist, steht vorne. Bei einer hochwertigen Naturkosmetik-Creme sollten die ersten Einträge pflanzliche Öle, Wasser und pflanzliche Wirkstoffe sein.

Achte konkret auf das Ende der Liste. Taucht dort ein Stoff mit der Bezeichnung „Parfum" auf, ohne weitere Angabe, handelt es sich meist um eine synthetische Duftkomposition. Zertifizierte Naturkosmetik kennzeichnet Duftstoffe dagegen oft mit ihrem lateinischen Pflanzennamen oder dem Hinweis auf ätherische Öle. Auch Bezeichnungen wie „Paraffinum Liquidum", „Cera Microcristallina" oder „Dimethicone" sind klare Hinweise auf Erdölprodukte beziehungsweise Silikone. In zertifizierter Naturkosmetik suchst du diese Begriffe vergeblich.

Nimm dir im Laden zwei Minuten Zeit und vergleiche die INCI-Listen zweier ähnlich klingender Produkte, eines mit Siegel und eines ohne. Die Unterschiede fallen sofort auf, weil die Reihenfolge der Inhaltsstoffe eine andere Sprache spricht.

Was der Stiftung-Warentest-Test gezeigt hat

Der Gesichtscreme-Test der Stiftung Warentest aus dem Jahr 2020 ist bis heute der aussagekräftigste Vergleich zwischen zertifizierter Naturkosmetik und konventionellen Produkten im deutschen Markt. Die Tester haben 14 Gesichtscremes untersucht, darunter zertifizierte Naturkosmetik von Weleda, Sante und Lavera sowie „naturnahe" Produkte von Nivea und Garnier. Das Ergebnis: Die zertifizierte Naturkosmetik musste sich bei Pflegewirkung und Anwendung nicht hinter den konventionellen Produkten verstecken.

Der Test zeigt, dass Naturkosmetik funktioniert, nicht dass jedes Naturprodukt automatisch besser ist. Die Qualität hängt von der Formulierung ab, also davon, wie gut die natürlichen Rohstoffe aufeinander abgestimmt sind. Ein günstiges Naturkosmetikprodukt aus dem Drogeriemarkt kann eine bessere Formulierung haben als ein teures aus der Parfümerie. Das Siegel garantiert die Abwesenheit bestimmter Stoffe, aber keine überlegene Pflegeleistung.

Woran du hochwertige Naturkosmetik sonst noch erkennst

Neben dem Siegel gibt es weitere Hinweise auf Qualität, die du ohne Fachwissen prüfen kannst. Achte auf die Verpackung: Hochwertige Naturkosmetik wird häufig in Tuben oder Pumpflaschen verkauft, die die Creme vor Licht und Luft schützen. Pflanzliche Öle und Wirkstoffe sind empfindlicher als Paraffin, und ein Hersteller, der in stabile Verpackungen investiert, zeigt, dass er die Haltbarkeit seiner Rezeptur ernst nimmt.

Auch der Duft ist ein Indikator. Zertifizierte Naturkosmetik duftet dezent nach den verwendeten Pflanzenölen und ätherischen Ölen, nicht nach Parfüm. Ein intensiver, süßlicher Duft deutet auf synthetische Duftstoffe hin, die in Naturkosmetik nicht erlaubt sind. Gleiches gilt für die Farbe: Naturkosmetik ist meist weiß, beige oder leicht getönt durch Pflanzenextrakte. Knallige Farben entstehen durch synthetische Farbstoffe, die in zertifizierten Produkten nicht vorkommen.

Für welche Hauttypen sich Naturkosmetik lohnt

Naturkosmetik ist keine Frage des Hauttyps, sondern der Formulierung. Trockene Haut profitiert von reichhaltigen Ölen wie Sheabutter oder Mandelöl, fettige Haut von leichten Gelen auf Wasserbasis mit pflanzlichen Wirkstoffen wie Aloe Vera oder Hamamelis. Die Auswahl ist inzwischen so groß, dass du für jede Haut eine passende zertifizierte Naturkosmetik findest.

Wer zu Allergien neigt, sollte beim Umstieg auf Naturkosmetik auf ätherische Öle achten. Sie sind natürlichen Ursprungs, können aber wie alle Duftstoffe Hautreizungen auslösen. Produkte mit dem Hinweis „parfümfrei" oder „duftstofffrei" sind für empfindliche Haut die sicherere Wahl, auch wenn sie seltener sind. Die gute Nachricht: Die meisten zertifizierten Naturkosmetikprodukte verzichten auf die aggressiven Konservierungsstoffe, die in konventioneller Kosmetik häufiger Allergien auslösen.